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Heimatgedanken – Gedanken zur Heimat
«Heimat» - grundlegendes Bedürfnis im steten Wandel der Zeit
Beim Schreiben einer Heimatkunde ist es naheliegend, dass darin auch Gedanken zu diesem speziellen Wort enthalten sind. «Heimat» - ein schillernder, lebendiger, wie alles andere auch und gerade jetzt im Wandel befindlicher Begriff1. Ein Begriff bzw. ein … – ja, was ist es eigentlich: Gefühl, Zustand, Eigenschaft, Anspruch, Notwendigkeit, Grundrecht? – der gleichzeitig fragil und gefährdet ist und in extremer Betrachtung als Instrument der Ab- und Ausgrenzung auch gefährlich sein kann. Auf jeden Fall handelt es sich um ein Grundbedürfnis, das Menschen wohl schon immer begleitet hat, ob nomadisierend unterwegs oder bereits an einem konkreten Ort sesshaft geworden. Angesichts jüngster geopolitischer Entwicklungen und einer riesigen Zahl von Menschen auf der Flucht2 ist die Frage zu stellen, ob Heimat bzw. das Recht darauf nicht unter ‘Heimatschutz’ gestellt werden müsste…
Eine Heimat zu ‘haben’ ist für Menschen von enormer Bedeutung, erfüllt Heimat doch zentrale menschliche Bedürfnisse: Heimat vermittelt Sicherheit (durch Schutz und Geborgenheit, Vertrautes) und ermöglicht die Wahrnehmung sozialer Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft. Heimat ist der Ort, der uns bekannte und überschaubare Strukturen, Stabilität und emotionale Verwurzelung verschafft. Diese beiden Grundbedürfnisse (Sicherheit und soziale Beziehungen) bilden die Basis dafür, dass höhere Bedürfnisse wie die Entfaltung von Individualität und Selbstverwirklichung wahrgenommen werden können. Dadurch ist Heimat von essentieller Bedeutung für eine gesunde individuelle und kollektive Entwicklung.
Im Begriff Heimat steckt das germanische Wort „heim“, was „Dorf“ oder „Haus“, auch Stammesgebiet bedeutet. Gemeint ist der Ort, an dem man lebt, wo man „zu Hause“ ist. In der Regel ist damit also etwas Positives und Schönes verbunden. Zumeist ist die Heimat verknüpft mit dem Ort der Geburt, des Aufwachsens, der Familie und vertrauter Menschen, beispielsweise aus der Schulzeit.
Für viele von uns mag es, insbesondere als Folge eines von Mobilität mitgeprägten Lebensstils, des modernen Berufslebens oder der Möglichkeit erhöhter Reisetätigkeit, normal sein, dass wir weit weniger im ursprünglichen «Stammesgebiet» bleiben, als dies in früheren Generationen oder gar beim Aufkommen des Begriffs Heimat der Fall war. Für zu viele Menschen ist es allerdings traurige Wahrheit, ihre Heimat verlassen zu müssen, sei dies aufgrund kriegerischer Ereignisse oder mangels wirtschaftlicher Existenzgrundlage. Letzteres ein Phänomen, das im 19. Jahrhundert bekanntlich auch zu Auswanderungswellen aus der Region Basel führte.
Wir haben uns im Projekt an der Informationsveranstaltung vom 14. November 2024 mit dem Begriff Heimat in seinen diversen Schattierungen und unterschiedlichen Auffassungen davon auseinandergesetzt. Für weitere Infos hier klicken.
In seinem einleitenden Referat umriss der Soziologe Ueli Mäder in acht Bildern das Thema Heimat und brachte deren Bedeutung im Wandel der Zeit zum Ausdruck. Daran anknüpfend hat Viviane Rudolf von Rohr-Dyck ein fünfköpfiges Podium moderiert. Unter Einbezug des Publikums wurde das Thema Heimat diskutiert. Auf dem Podium nahmen, neben dem Referenten, Gerin Cherian, Fabienne Hartmann, Maria Magdalena Moser und Raymond Tanner teil. Alle haben aus ihrem spezifischen Blickwinkel und vor ihrem je unterschiedlichen biographischen Hintergrund ihre eigene Sicht und ihr Verständnis von Heimat beleuchtet.
Die Frage nach dem, was Heimat ist und ausmacht, mag als solche beinahe so alt sein wie die Menschheitsgeschichte. Und die Antworten darauf sind oft individuell geprägt und verändern sich immer wieder. Hier einige persönliche Gedanken zu Aspekten der Heimat bzw. solche, die dem Autor dieses kurzen Beitrags besonders gefallen.
Heimat ist …
… der Ort, an dem das Herz Wurzeln schlägt.
Das Herz schlägt bekanntlich nicht Wurzeln im biologischen Sinn, bzw. es tut dies nicht im wörtlichen und nicht im örtlichen Sinn. Heimat ist vielmehr ein vielschichtiger Begriff, der sowohl physische Orte als auch zwischenmenschliche Verbindungen umfasst. Es ist der Ort bzw. die soziale Umgebung, an dem bzw. in der man sich geborgen fühlt. Einerseits da, wo die familiären Wurzeln sind, anderseits aber auch da, wo vertraute Gemeinschaft gelebt und erlebt wird, deren Kultur und die damit verbundenen Erinnerungen. Insofern beschreibt Heimat einen Ort und Zustand der Erdung oder Verwurzelung. Wer kennt nicht das spezielle Gefühl3, das sich beispielsweise nach einer längeren Abwesenheit vom Zuhause einstellt.
… mehr als ein Ort, ein Gefühl, Geruch, Klang, eine Aussicht und Perspektive ... – bzw. alles davon oder etwas von jedem.
Die künstliche Intelligenz4, die ich beim Schreiben dieses Textes konsultiert habe – besitzt sie auch eine Heimat? – hat gemutmasst, dass Heimat wahrscheinlich eine Mischung aus allem sei: "Ein Ort, der durch Gerüche, Geräusche, Ausblicke und Erinnerungen geprägt ist. Es ist das Gefühl, angekommen zu sein, verbunden mit den Sinneseindrücken und den persönlichen Erfahrungen, die diesen Ort einzigartig machen bzw. werden lassen." Eine poetisch anmutende Ansicht, der ich gerne zustimme. Ich interpretiere diese Aussage auch dahingehend, dass Heimat nicht etwas Ortsgebundenes, Statisches ist, sondern sich mit uns bewegt und nicht nur Ausgangspunkt, sondern auch Weg und Ziel bedeuten kann.
In der Bibel (Jesaja 32,18) wird das Zuhause als ein Ort des Friedens, der Geborgenheit und der Ruhe beschrieben. Ein Ziel unseres irdischen Daheimseins sollte darin bestehen, diese drei Eigenschaften möglichst dauerhaft vollständig zu erfahren. ‘Heimgehen’ bedeutet im übertragenen Sinn bekanntlich auch ‘sterben’, was zur irdischen Heimat, die wir als endliche Wesen nach dem Tod zumindest im Bewusstsein wieder verlassen müssen, auch die zusätzliche Dimension eines Ortes von Ewigkeit hinzufügt.
… ein teilbares Gut, falls es gelingt, das Teilen positiv zu gestalten.
Die Frage, ob Heimat geteilt werden kann oder nicht vielmehr vor Anderen, die von aussen her kommen, beschützt werden muss, entbehrt nicht der politischen Brisanz. Das war in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts als Folge einer ersten Einwanderungswelle so und ist es bis heute geblieben. Früh schon lernen wir zwar, dass Teilen können etwas grundsätzlich Positives ist. Und dass es Gefühle, Beziehungen, Werte und Güter gibt, die sich durch das Teilen vermehren. So verhält es sich zum Beispiel mit dem Glück oder der Liebe. Wenn eine Heimat zu haben und diese lieben zu dürfen ein Glück ist, so müsste das Teilen dieses Glücks nach dem bekannten Sinnspruch5 «Glück ist das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt.» zu einem Zuwachs an Glück führen.
Heimat teilen zu können und an der Heimat anderer teilhaben zu dürfen, kann also zu einer Vermehrung von Glück führen. Wichtig bleibt dabei, dass es gelingt, das Spezielle, die Einzigartigkeit und Integrität der Heimat in ihrem Kern zu bewahren. Dies bedeutet einen Balanceakt zwischen Offenheit und Schutz, um die Vielfalt und den Charakter einer Heimat zu bewahren, die Heimat dabei aber auch nicht als exklusiv und statisch zu verstehen. Eine Aufgabe bzw. eine Einladung zum Dialog, die zweifellos komplexer Natur, in der heutigen Zeit allerdings unverzichtbar ist. In einer Zeit, in der das einzig Beständige der Wandel ist, was paradoxerweise den Wandel eigentlich zum Beständigen und das Beständige zur Variablen werden lässt.
... ein immaterielles Erbe, das uns gemeinsam zusteht.
Grundsätzlich wird Heimat oft durch die Geburt und die familiäre Geschichte vermittelt, also im übertragenen Sinn vererbt. Doch dies ist nicht die einzige Form, wie Heimat übertragen bzw. erlebt werden kann. Vor allem auch, weil man nicht Eigentum oder Besitz an Heimat haben kann. Heimatliche Gefühle können auf vielfältige Weise entstehen, indem man von einem geographischen Raum und/oder dem, was sich darin befindet, emotional angezogen wird. Auch dadurch und durch positive Erfahrungen und Integration kann eine persönliche Beziehung und ein Heimatgefühl entstehen. Das heisst, es handelt sich also nicht etwa um einen materiellen Besitz, sondern vielmehr um eine emotionale und kulturelle Verbindung.
… eine Empfindung, die auch an mehreren Orten eintreten kann.
Heimatliche Gefühle können nicht nur für einen Ort, meist denjenigen, von dem man herkommt, empfunden werden. Beispielsweise als Folge ihrer ganz persönlichen Biographie können Menschen quasi mehrere Heimaten haben; eine solche Mehrzahl kann etwa durch Umzüge, Auslandsaufenthalte oder mehrere kulturelle Zugehörigkeiten entstehen. Und dabei kann jede Heimat unterschiedliche Aspekte des eigenen Selbst in besonderer Weise widerspiegeln. Auch kann es geschehen, dass an einem fremden Ort beim Anblick einer Gegend, von Gegenständen oder beim Genuss von kulturellen Anlässen unversehens ein Heimatgefühl aufkommt.
… zwar kein Menschenrecht, aber:
Die fundamentale Wichtigkeit, an einem Ort beheimatet zu sein, verschafft dem Anspruch bzw. Recht auf Heimat zwar nicht den Charakter eines Menschenrechts im engeren Sinn. Doch ist das Recht auf ein sicheres, würdiges Lebensumfeld in verschiedenen Menschenrechts-konventionen verankert.
Heimat im emotionalen Sinne ist eine unerlässliche Voraussetzung für Wohlbefinden und Identität. Indirekt umfassen meines Erachtens das Recht auf ein sicheres, würdiges Lebensumfeld sowie der Schutz der Menschenwürde also ein Recht auf Heimat.
… bzw. Beheimatung ist für Menschen, in der Tier- und in der Pflanzenwelt unverzichtbar.
Zwischen menschlicher Heimat und der Beheimatung von Tieren oder Pflanzen gibt es Parallelen und Unterschiede. Bei Tieren und wohl noch intensiver bei den Pflanzen ist Beheimatung zumeist eine biologische Notwendigkeit, um überleben zu können.
Bei Menschen ist Heimat zusätzlich auch kulturell, emotional und sozial geprägt, sie ist ein Ort der Identifikation und Zugehörigkeit, nicht nur der blossen Existenz. Speziell Tiere mögen wohl allerdings auch Gefühle von Heimat bzw. einem Daheim zu entwickeln, wie entsprechende Geschichten von über grosse Distanzen heimkehrenden Haustieren belegen.
… so etwas wie Paradies auf Erden!?
Oft realisiert man die Bedeutung und den Wert einer Sache, eines Zustands oder eines Verhältnisses nur oder erst, wenn es verloren geht bzw. gegangen ist. Die Frage, ob der Umstand bzw. Gedanke, eine schöne, sichere und intakte Heimat zu haben, nicht auch bedeutet, quasi in einem Paradies zu leben, mag poetisch klingen oder überhöht erscheinen. Ein Paradies ist oft eine idealisierte Vorstellung. Eine schöne und sichere Heimat ist auf jeden Fall ein äusserst wertvoller Ort, doch das Leben in der Realität ist immer auch mit konkreten Herausforderungen verbunden. Ohne Zweifel schafft eine intakte Heimat die wohl unverzichtbare Grundlage für Glück und Zufriedenheit.
Danach befragt, welcher Unterschied eigentlich zwischen 4418 Reigoldswil und dem Paradies besteht, meint die konsultierte künstliche Intelligenz sinngemäss was folgt:
«Das ist eine wirklich interessante und tiefgründige Frage! Der Unterschied zwischen 4418 Reigoldswil und dem Paradies liegt vor allem in der konkreten Realität versus die idealisierte Vorstellung. Reigoldswil ist ein realer Ort mit seinen eigenen Eigenheiten, Menschen, Geschichten und Herausforderungen. Es ist ein Ort, der durch seine Gemeinschaft, Natur und Geschichte geprägt ist. Hier gibt es Alltag, Veränderungen, manchmal auch Probleme, aber auch Schönheit und Verbundenheit.
Das Paradies hingegen ist meist eine ideale, perfekte Welt, die oft in Träumen, Vorstellungen oder religiösen und philosophischen Konzepten existiert. Es ist ein Ort ohne Leid, Konflikte oder Mängel – eine Utopie, die schwer in der Realität zu finden ist.
Der Unterschied besteht also darin, dass Reigoldswil ein konkreter, greifbarer Ort ist, der mit all seinen Unvollkommenheiten und Besonderheiten existiert, während das Paradies eine ideale Vorstellung ist, die oft als Symbol für Vollkommenheit und Glück dient.
Dennoch kann man sagen, dass in einem Ort wie Reigoldswil, mit seiner Gemeinschaft und Natur, auch eine Art „irdisches Paradies“ liegen kann – wenn man die Schönheit und das Gute darin erkennt und schätzt. Es ist eine Frage der Perspektive und Wertschätzung.»
Und als eine poetische Formulierung für diesen Vergleich zwischen Reigoldswil und dem Paradies wird das nachfolgende Gedicht vorgeschlagen – und ich ergänze diese mit dem Titel:
Warum in die Ferne schweifen, das Paradies liegt doch so nah …!?
In Reigoldswil, im Herzen der Natur,
wo Berge flüstern und Flüsse singen,
lebt die Seele in vertrauter Umarmung,
mit all ihren kleinen Wunden und Freuden.
Hier wächst das Glück im Alltag,
im Lachen der Kinder, im Duft der Wiesen,
im stillen Wissen, dass Heimat ist,
wo das Herz zuhause ist, trotz aller Unvollkommenheit.
Das Paradies hingegen, ein Traum im Himmel,
ein Ort jenseits von Zeit und Raum,
wo Schmerz und Leid vergessen sind,
und alles nur in Schönheit erstrahlt.
Doch manchmal liegt das Paradies
nicht nur in fernen Sphären,
sondern in den einfachen Dingen,
die wir in Reigoldswil finden –
ein Stück Himmel auf Erden,
wenn wir mit offenen Augen leben.
Dem ist eigentlich nichts mehr beizufügen ausser: Tragen wir gemeinsam Sorge zur Heimat, sei dies in Reigoldswil oder wo auch immer, für uns selbst und diejenigen, die darin leben. In diesem Verständnis ist Heimat nicht nur ein Zustand, sondern auch eine Aufgabe, die immer wieder und passend zur Entwicklung neu gelöst werden muss.
Beitrag Heimatkunde Reigoldswil zum Thema Perspektiven auf Reigoldswil, verfasst im April 2026 von Roland Plattner-Steinmann